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Neues FWF-Projekt: Wie eine europäische Zoo-Biobank versucht, zum Artenschutz beizutragen.

Im neuen vom FWF finanzierten Projekt „Banking on zoos for conservation?“ wird der Frage nachgegangen, wie eine Sammlung von biologischen Proben von Zootieren zum Schutz von bedrohten Tierarten beitragen soll.

Das Projekt beschäftigt sich mit der sogenannten Biobank des europäischen Zoo-Netzwerks EAZA, das Blut- und Gewebeproben an vier europaweit verteilten Standorten sammelt und lagert. Das Projektteam fokussiert dabei sowohl auf Arbeit in und Organisation von der Biobank selbst, als auch auf ihre Zusammenhänge mit der internationalen Natur- und Artenschutzpolitik. Zentrale Frage dabei ist, wie sich eine solche Sammlung von Proben und deren Verwendung in der Forschung zum gesellschaftspolitisch komplexen Problemfeld der Artenvielfalt und des Aussterbens vieler Arten verhält.

Das Projekt wird von Erik Aarden geleitet und wird von Mai 2025 bis April 2028 laufen.

Im Projekt sind zwei Stellen zu besetzen, weitere Details dazu finden Sie unter folgendem link: https://www.aau.at/blog/job-openings-doctoral-and-postdoctoral-level/ 

Job openings (doctoral and postdoctoral level)

For the project Banking on zoos for conservation? Towards a multispecies perspective on conservation research in the EAZA Biobank, funded by the Austrian Science Fund FWF, I am looking for two colleagues to join me at the Department of Society, Knowledge and Politics, of the University of Klagenfurt in Austria. The project will start in May 2025 and run until April 2028.

In this project we will study how the collection and storage of biological materials from zoo and aquarium animals in the European Association of Zoos and Aquaria (EAZA) Biobank is expected to contribute to research for the conservation of endangered species. As a networked facility located at four European ‘hubs’ the biobank aims to gather specimens from all species kept in European zoos and aquaria. This initiative thereby serves such institutions’ aims to contribute to preserving endangered species, yet raises questions about how practices within and organization of the biobank relate to a wider policy environment of conservation ambitions. To address such questions, the project will explore the practical, organizational and broader policy layers of the EAZA Biobank.

For this research on the different layers of the biobank I am looking for:

  • A doctoral researcher to focus on biobanking practices at individual zoos, aquaria and hubs
  • A postdoctoral researcher to focus on the broader legal and policy environment in which the biobank operates

Your responsibilities in the project will include participation in project work and meetings; planning and conducting empirical research on the EAZA Biobank; and contributing to the publication and dissemination of project results. Fieldwork will require travel to relevant international institutions (incl. zoos, aquaria and intergovernmental organisations) and (for the doctoral position) extended periods for ethnographic work on-site.

Your qualifications should include a completed MA or PhD degree in science and technology studies (STS), sociology, anthropology, political science or other relevant social science disciplines and/or in relevant fields of biological and environmental sciences. Applicants are expected to have demonstrable interest in or experience with research on the sociopolitical dimensions of biodiversity and conservation research. Good knowledge of English in speaking and writing is required.

Both positions will be paid according to the Collective Bargaining Agreement for Austrian universities.

To apply for either position, please send the following documents to erik [dot] aarden [at] aau [dot] at no later than the 28th of February 2025:

  • A motivation letter (max 2 pages), in which you indicate for which position you apply and how you would see your contribution to the project;
  • An academic CV (max 3 pages);
  • An example of your writing (which may be part of your MA/PhD-thesis);
  • Name and contact details of one reference.

In case you would like to know more about the project or the positions, feel free to contact me with any questions you may have at erik [dot] aarden [at] aau [dot] at!

Ein Rückblick auf das erste Jahr des Instituts für Gesellschaft, Wissen und Politik (SoKPol)

Mit 1. Jänner 2024 entstand aus dem Zusammenschluss dreier kleinerer Institute das neue Institut für Gesellschaft, Wissen und Politik. In diesem Bericht blicken wir auf die persönlichen und akademischen Höhepunkte aus dem ersten gemeinsamen Jahr der „SoKPol“ zurück.

Bericht: Helene Sorgner

Soziologie, Technik- und Wissenschaftsforschung, sowie Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung: Diese drei Forschungsgebiete, die zuvor jeweils eigene Organisationseinheiten an der AAU bildeten, sind seit Anfang 2024 unter einem Dach vereint. Das so geschaffene Institut für Gesellschaft, Wissen und Politik baut auf den gemeinsamen Interessen seiner Mitglieder auf und ermöglicht intensiveren Austausch sowie neue Synergien – wie zahlreiche Aktivitäten im ersten Jahr bereits gezeigt haben.

Forschungsaufenthalte

Die erste Jahreshälfte war zunächst durch forschungsbedingte Abwesenheiten geprägt, denn mehrere Angehörige des Instituts waren zu mehrmonatigen Auslandsaufenthalten aufgebrochen.

Von November 2023 bis Ende März 2024 absolvierte Anja Bauer im Rahmen ihrer Qualifizierungsvereinbarung einen Forschungsaufenthalt an der Arizona State University (ASU). Den ersten Teil des Forschungsaufenthalts verbrachte sie an der School of the Future of Innovation in Society in Tempe, Arizona, den zweiten Teil am Consortium for Science, Policy and Outcomes der ASU in Washington D.C.. Neben der Etablierung von Kontakten zu akademischen und nicht-akademischen Akteuren resultierte der Aufenthalt in Vorträgen und Publikationen, die sich mit der Frage der Autorität wissenschaftlicher Politikberatung in Zeiten zunehmender Politisierung und Postfaktizität beschäftigen.

Julia Malik verbrachte für ihr Dissertationsprojekt 13 Monate in Kolumbien. Ihre ethnographische Feldforschung zu einem digitalen Klassifikations- und Verwaltungssystem für Sozialhilfe wurde durch ein Marietta-Blau-Stipendium und eine Mobilitätsförderung der Universität Klagenfurt unterstützt.

Christof Lammer ist seit April 2024 und noch bis März 2025 Fellow des Käte Hamburger Kolleg inherit. heritage in transformation an der HU Berlin. Dort untersucht er am Beispiel des Großen Panda, wie Menschen  Verwandtschaft messen, um Arten zu schützen, und welche Auswirkungen das  nicht nur für Mensch-Tier-Beziehungen, sondern auch für Gesellschaft,  Bürokratie und Politik hat.

Forschungsprojekte

Das Jahr 2024 brachte gleich mehrere neue Projekte ans Institut, und damit auch neue Projektmitarbeiter:innen.

Erik Aarden leitet seit Anfang April gemeinsam mit Ingrid Metzler (Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften) ein vom österreichischen Wissenschaftsfonds(FWF) finanziertes Projekt mit dem Titel „Die Governance von und durch Tests“. Das Projekt untersucht die Teststrategien dreier europäischer Länder während der COVID-19-Pandemie. Viktoria Meklin wird als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Rahmen dieses Forschungsprojekts ihre Dissertation verfassen.

Ein weiteres Projekt von Erik Aarden, „Making meanings of biodiversity: Species monitoring and science communication at two Austrian biosphere reserves“, wird vom Forschungsrat der AAU gefördert. Gemeinsam mit der Masterstudentin Jasmin Gramschek untersucht er die Praktiken und Konzepte von Artenvielfalt in den Biosphärenparks Nockberge und Wienerwald.

Mit dem „City Science Lab (Universität Klagenfurt): Climate & Cities Missions in Action” konnte unter Federführung von Martina Merz und Mitwirkung von Daniel Barben eine Förderung von mehr als einer Million Euro aus einem Sonderbudget des BMBWF eingeworben werden, um die Stadt Klagenfurt auf ihrem Weg zur Klimaneutralität zu unterstützen. Aus diesen Mitteln wird ein universitärer Hub gegründet, der Wissenschaftler:innen aus kultur-, sozial-, wirtschafts- und technikwissenschaftlichen Bereichen zusammenbringen und eine Just Transition zur klimagerechten Stadt der Zukunft ermöglichen soll. Die Koordinationsstelle für das City Science Lab wird am Institut für Gesellschaft, Wissen und Politik angesiedelt sein.

Publikationen:

Lammer, Christof. 2024. Performing State Boundaries: Food Networks, Democratic Bureaucracy and China. New York: Berghahn Books.

Personalia:

  • Im Januar wurde die Erfüllung der Qualifizierungsvereinbarung von Anja Bauer festgestellt, worauf sie als Assoziierte Professorin entfristet wurde. Anja Bauer hat damit als eine der ersten im neuen Laufbahnmodell der AAU die Qualifizierung erfolgreich abgeschlossen.
  • Helmut Guggenberger, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter und ehemaliger Vorstand des Instituts für Soziologie, trat mit 1. Oktober in den Ruhestand. Er bleibt der AAU als Lehrender erhalten und wird auch in diesem Jahr wieder die Absolvent:innenbefragung durchführen.
  • Martina Merz hat nach vierjähriger Amtszeit als Vizerektorin für Forschung seit 1. Dezember 2024 ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit am Institut wieder voll aufgenommen.
  • Michael Jonas übernimmt während des laufenden Forschungsaufenthalts von Christof Lammer dessen Lehraufgaben am Institut.
  • Helene Sorgner kehrte im September aus ihrer Elternkarenz zurück.
  • Daria Jadreškić schied mit dem Ende des Projekts „Producing Novelty & Securing Credibility in LHC-Experiments“ aus dem Personalstand des Instituts aus und wechselte innerhalb der AAU ans Digital Age Research Center (D!ARC).

Institutsklausur

Am 25. und 26. September 2024 kamen die Institutsangehörigen erstmals zu einer gemeinsamen Klausur im Stift St. Georgen am Längssee zusammen. In intensiven Diskussionen wurden gemeinsame Lehrinhalte, Forschungsinteressen und Aufgabenverteilungen besprochen. Nach einer kleinen Wanderung um den Längssee fand sich am ersten Abend auch Zeit für eine feierliche Verabschiedung von Helmut Guggenberger.

Institutsklausur in St. Georgen. Foto: Kornelia Kanyo

Forschungskolloquium

Im Wintersemester 2024/25 startete mit dem Forschungskolloquium ein neues Veranstaltungsformat, bei dem die wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen des Instituts aktuelle Forschungsarbeiten präsentieren. Die Vorträge und Diskussionen sind für alle Interessierten offen und fördern den Austausch über Institutsgrenzen hinweg. Erste Beiträge kamen von Anja Bauer (zu Erkenntnissen aus ihrem Forschungsaufenthalt in den USA), Erik Aarden (zu Praktiken der Artenvielfaltserhebung in einem Nationalpark) und Vedran Duančić (zu Techno-Optimismus in den letzten Jahren Jugoslawiens).

Weihnachtsfeier

Ein besonderes Highlight zum Jahresabschluss war das gemeinsame Abendessen im Gasthaus im Landhaushof. Für einige Institutsmitglieder eine langjährige Tradition, für andere eine neue Erfahrung, markierte dieses Treffen den Abschluss eines erfolgreichen Jahres und den Beginn neuer gemeinsamer Traditionen – Ausdruck eines wachsenden Instituts mit starkem Fundament und großen Plänen für die Zukunft.

Klassifikationen, Algorithmen und der Staat: Ein Feldforschungsbericht zu digitaler Wohlfahrtsinfrastruktur in Kolumbien (von Julia Malik)

Für ihr Dissertationsprojekt führte die Universitätsassistentin Julia Malik 13 Monate Feldforschung in Kolumbien durch. Dort untersuchte sie die soziotechnischen Dimensionen und Auswirkungen eines digitalen staatlichen Klassifikations- und Informationssystems, das zur Verwaltung und Verteilung von Sozialleistungen verwendet wird.

Wie formen Technologien und Praktiken der digitalen Wohlfahrt den Staat?

Wie werden digitalisierte Systeme im Bereich der Sozialpolitik hergestellt und welche Akteur:innen nehmen wie daran teil?

Welche Auswirkungen haben Klassifikationen, Algorithmen, und Datafizierung auf Sozialhilfe, Bürokratie, staatliche Institutionen und Interaktionen zwischen Staatsangestellten und anderen Bürger:innen?

Diesen Fragen ging Julia Malik im Rahmen ihrer multilokalen ethnographischen Feldforschung für ihre Dissertation mit dem Arbeitstitel „Classifying Citizens, Updating the State: How Practicing Digital Welfare Shape Statehood in Colombia“ nach. Unterstützt durch ein Marietta-Blau Stipendium des österreichischen Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie durch eine Mobilitätsförderung für Nachwuchswissenschaftler:innen der Universität Klagenfurt erforschte sie das digitalisierte Klassifikations- und Informationssystem SISBÉN. Der kolumbianische Staat verwendet dieses System, um Haushalte sozioökonomisch zu kategorisieren und, darauf aufbauend, den Zugang zu Sozialleistungen zu regeln. Julia Malik folgte den unterschiedlichen Akteur:innen und Elementen des Systems, das unter anderem aus einem standardisierten digitalen Fragebogen, Haushaltsbesuchen von Verwaltungsmitarbeitenden, einem zentralisierten Datenbanksystem, verschiedenen Software-Programmen zur Bearbeitung von Informationen, und Algorithmen zur Berechnung der Klassifikation der Haushalte besteht.

Um die Effekte von digitaler Wohlfahrtsinfrastruktur auf den Staat zu erfassen, forschte Julia Malik in staatlichen Institutionen, die in das SISBÉN-System eingebunden sind. Ihre Forschungspartner:innen waren öffentliche oder private Bedienstete, die mit SISBÉN arbeiteten, aber auch klassifizierte Bürger:innen sowie Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Anwält:innen, die sich mit SISBÉN befassten. Den Hauptteil ihrer Feldforschung unternahm sie in nationalen und kommunalen Behörden in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Diese Erfahrungen ergänzte sie mit Forschungsaufenthalten in einer mittelgroßen Stadt und zwei kleinen, ländlichen Gemeinden. Sie führte teilnehmende Beobachtung bei Arbeitsmeetings, Einschulungen, Büroarbeiten, Bürger:innen-Servicestellen durch, und begleitete SISBÉN-Mitarbeitende zu Hausbesuchen und Klassifikationsinterviews. Daneben führte sie 42 qualitative Interviews und analysierte Regierungsveröffentlichungen und Medienberichte. Die institutionelle Anbindung an die Universidad del Rosario in Bogotá ermöglichte eine Unterstützung und Begleitung der empirischen Forschungsarbeit sowie den Kontaktaufbau mit lokalen Wissenschaftler:innen.

Mit dem so produzierten Datenmaterial untersucht Julia Malik die Wechselwirkungen zwischen Digitalisierung, Wohlfahrt und Staat. Das Klassifikations- und Informationssystem konzeptualisiert sie als digitale Wohlfahrtsinfrastruktur, die von diversen Akteur:innen mittels verschiedener Technologien auf unterschiedliche Weisen hergestellt wird. Sie hat bereits verschiedene, teils ambivalente Auswirkungen digitaler Wohlfahrt identifiziert – etwa darauf, wie Sozialleistungen praktiziert werden, wie bürokratische Arbeit gemacht wird, wie Wissen über Armut und Bürger:innen produziert wird, wie Staatsakteur:innen mit anderen Bürger:innen interagieren, und wie Grenzen zwischen Staat und Markt und der technischen und politisch-sozialen Sphäre gezogen werden. Diese Beobachtungen werden nun im Rahmen ihrer Dissertation einer eingehenden Analyse unterzogen und theoretisiert.

Fotoquelle: Julia Malik: „Sisbén al campo“-Servicestelle für Bürger:innen im ländlichen Raum.